Mehr als die Geschichte eines Aufstands

    Münsteraner Filmteam drehte einen Dokumentarfilm über die zapatistischen Gemeinden in Chiapas


    Von Knut Henkel

    Nach dem Aufstand der Zapatisten 1994 entstanden 29 autonome Gemeinden. Sie stehen im Mittelpunkt des »Aufstands der Würde«, eines Dokumentarfilms über die zapatistische Bewegung, den das Münsteraner Zwischenzeit-Filmteam schuf.

    »Ya basta«, es reicht, war der Schlachtruf, mit dem die Zapatisten zum Jahresauftakt 1994 auf die Straße gingen, um gegen das Freihandelsabkommen zwischen den USA, Mexiko und Kanada zu protestieren. Sieben Städte besetzte die EZLN, die Zapatistische Armee zur Nationalen Befreiung, und sorgte damit, aber noch mehr mit den parallel versandten Faxen an zahlreiche Redaktionen von nationalen und internationalen Medien für reichlich Aufmerksamkeit.

    Wer waren die Männer und Frauen unter den Skimützen, die gegen Unterdrückung, Armut und Rassismus aufbegehrten und die Politik der Regierung in Mexiko-Stadt mit ihren alternativen Konzepten in Frage stellten, fragte man sich rund um den Globus. Für Land, Gesundheit, Bildung, Gerechtigkeit, Demokratie, Freiheit und Frieden waren sie angetreten und hatten dem Schlachtruf nach »Land und Freiheit« der mexikanischen Revolution von 1910 neues Leben eingehaucht.

    Nach dem Revolutionsgeneral Emiliano Zapata haben sich die Aufständischen im südlichsten Zipfel Mexikos nicht von ungefähr benannt. Zapata, ein Mestize aus bäuerlichen Verhältnissen, hatte sich in seinem Dorf früh für eine gerechte Verteilung der Landrechte eingesetzt und später die aus landlosen Bauern von oftmals indigener Abstammung bestehende Revolutionsarmee befehligt. Die kämpfte für eine Landreform. Nur im äußersten Süden Mexikos, in Chiapas, kam die nie an. Ein Grund, weshalb die Zapatisten gleich zu Beginn des Aufstands im Frühjahr 1994 große Ländereien besetzten und den Boden an Tausende von Familien verteilten. Dort, in den 29 autonomen Gemeinden, die damals entstanden, bauen die Zapatisten bis heute eigene alternative, von der mexikanischen Regierung unabhängige Strukturen auf. Und die stehen im Mittelpunkt des Dokumentarfilms »Der Aufstand der Würde«, den das Münsteraner Zwischenzeit-Filmteam drehte. »Unser Ziel ist es, die Ideen der Zapatisten, ihre Ziele und Herangehensweise bekannt zu machen«, sagt Dorit Siemers, die für die Dreharbeiten zum dritten Mal in Chiapas war. Sie hat sich gemeinsam mit Luz Kerkeling und Heiko Thiele die Arbeit der Zapatisten genau angeschaut. Besonders beeindruckend für die Filmemacher waren neben den Fortschritten im Gesundheits- und Bildungsbereich die basisdemokratischen Strukturen. »Die Funktionsträger der zapatistischen Gemeinden erhalten ihr Amt nur geliehen. Sie sind jederzeit absetzbar, wenn sie nicht zur Zufriedenheit der Basis arbeiten«, sagt Dorit Siemers. Für die drei Autoren genauso vorbildlich wie die Tatsache, dass Fehler in den Gemeinden offen eingestanden und korrigiert werden. Die pochen auf Autonomie, wobei es weniger um die Lösung vom Staat und mehr um die Stärkung der Gemeinden und Kreise gegenüber der Zentralregierung geht.

    Gleichwohl verwehrt man sich dagegen, sich Projekte der Regierung aufzwingen zu lassen. So gibt es ein eigenes Bildungsverständnis und eine Gesundheitsversorgung, die auf traditionelle Heilpflanzen und jahrhundertealtes Wissen zurückgreift sowie auf Prävention setzt. Dafür sorgen die Promotoren, die der Bevölkerung erklären, wie sie sich besser schützen können. Anstrengungen, die nicht nur die Kindersterblichkeit, sondern auch viele andere Krankheiten zurückgedrängt haben.

    Doch die Fortschritte beim Aufbau der besseren Welt, dem erklärten Ziel der Zapatisten, sind auch immer wieder gefährdet. Überfälle, willkürliche Festnahmen und Vertreibungen gehören genauso wie Folter, Vergewaltigungen und das Verschwindenlassen von Menschen zum Alltag des Widerstandes in den 29 Gemeinden. Den hat das Filmteam in eindrucksvollen Bildern eingefangen.

    Der Aufstand der Würde, ein Dokumentarfilm von Dorit Siemers, Heiko Thiele und Luz Kerkeling, Münster 2006. Kontakt: (0251) 149 22 80 - http://www.zwischenzeit-muenster.de

    (c) 14.08.07 Neues Deutschland

    QUELLE: http://www.nd-online.de/artikel.asp?AID=114492&IDC=12