"Wasser ist ein Menschenrecht
und gehört allen!" Interview von Sara Lohoff mit Ondra Krüger, Dorit Siemers, Nikola Siller und Luz Kerkeling vom Bildungsverein Zwischenzeit e.V. über die Ausstellung Wasser-Spiegel, die im Dezember 2004 im Fürstenberghaus zu sehen war. F: Ihr habt vor knapp drei Jahren Euren Verein gegründet. Ihr versteht Euch als alternative Forschungs- und Bildungsinitiative. Wer seid Ihr, was hat Euch dazu motiviert und welche Ziele verfolgt Ihr? Dorit Siemers: Wir sind eine sehr gemischte Gruppe aus den Fachbereichen Soziologie, Geographie, Mathematik, Ethnologie, Pädagogik und Politikwissenschaft und hatten den Eindruck, dass viele dringende soziale und ökologische Probleme in den herkömmlichen Bildungsinstitutionen dieses Landes nicht angemessen vermittelt werden. Dies hat verschiedene Gründe: einschränkende Lehrpläne, Stress der Lehrenden durch Personal- und Ressourcenmangel, Ökonomisierung des Forschungs- und Bildungssystems und vieles mehr. Wir möchten Schulen, Gewerkschaften, kritischen Kirchenkreisen, Jugend- und Kulturzentren, Universitäten und weiteren Bildungsträgern interessante Angebote machen, ihr Programm auf kritische Weise zu ergänzen. Bisher haben wir Literatur, Vorträge, Seminare, Filme, eine Ausstellung und ein spielerisches Irrgartenquiz gestaltet. Luz Kerkeling: Ich denke, dass es fatal ist, wenn die gesamte Bildung nur auf eine funktionierende Wirtschaft ausgerichtet ist. Dafür sind die Gefahren für Mensch und Natur zu hoch. Unsere Welt ist von extremer sozialer Ungleichheit, Konzentration von technologischem Know-how, wachsenden Umweltproblemen und einer gefährlichen Vorherrschaft der reichen NATO-Staaten geprägt. Die momentanen Eliten versuchen, allen Winkeln der Erde das westliche System aufzuzwingen. Dies wird auf Dauer nicht gut gehen. Analytiker verschiedener politischer Couleur bestätigen mittlerweile, dass das momentan dominierende neoliberale System in eine düstere Sackgasse führt deren Ende schnell erreicht werden könnte! Die Durchdringung der Gedankenwelt der Bevölkerung ist dabei erschreckend: Allgemein herrscht z.B. inzwischen die Annahme, private Verwaltung sei per se effektiver als staatliche oder gesellschaftlich-kooperative: doch dies ist mitnichten so, wie viele erfolgreiche Stadtwerke im Bereich Nahverkehr und Wasserversorgung beweisen. Bereiche wie Bildung, Umwelt, Kultur, Gesundheit und Daseinsvorsorge können nicht nach rein ökonomischen Grundsätzen gemanagt werden, diese alte Binsenweisheit muss wieder anerkannt werden. Die sogenannten zivilisierten Teile der Menschheit haben es in den letzten 200 Jahren geschafft, Erde und Gesellschaft so zu ruinieren, wie niemals zuvor. Das sollte uns nachdenklich und kritisch stimmen. F: Eure Ausstellung Wasser-Spiegel, die unter anderem im Fürstenberghaus gastierte, befasst sich mit dem gesellschaftlichen Umgang mit Wasser. Dieses Thema bündelt viele Aspekte, die Ihr bereits angesprochen habt. Könnt Ihr zusammenfassen, worum es bei der Ausstellung geht? Ondra Krüger: Die Ausstellung beginnt mit einer eher naturwissenschaftlichen Bestandsaufnahme, die sich faktenreich mit der globalen Nutzung und Verteilung von Wasser beschäftigt und die Schwierigkeiten benennt, die sich hieraus für Mensch und Umwelt ergeben. In einem weiteren Teil stellen wir die Probleme dar, die sich aus der Privatisierung der Wasserversorgung ergeben: Preiserhöhungen, Verschlechterung der Qualität, Vernachlässigung von ökonomisch nicht lukrativen Regionen, Arbeitsplatzvernichtung, Abdrehen bei Zahlungsunfähigkeit der VerbraucherInnen und erschwerter Zugang – vor allem in Ländern des Südens. Jedem fünften Menschen der Erde fehlt der Zugriff zu sauberem Trinkwasser! Auch bei uns vollzieht sich eine mehr oder weniger schleichende Übernahme der öffentlichen Wasserversorger durch große Energiekonzerne wie RWE, E.on oder Töchter der französischen Wassermultis Veolia – ehemals Vivendi – oder Suez. Beteiligungsmöglichkeiten für die BürgerInnen und öffentliche Kontrolle werden dadurch immer weiter eingeschränkt und negative Auswirkungen auf Wasserqualität und Umweltschutz sind bei privaten, rein auf Gewinnorientierung ausgerichteten Konzernen mehr als wahrscheinlich. Daher regt sich zunehmend Widerstand gegen die private Aneignung des öffentlichen Gutes Wasser und es formieren sich immer mehr Initiativen, die auf lokaler und regionaler Ebene gegen den Verkauf ihrer öffentlichen Wasserwerke mobil machen. Dorit Siemers: Im dritten Teil der Ausstellung geht es um die sozialen und ökologischen Folgen der großen Staudämme. In vielen Ländern des Südens wurden mit Geldern der staatlichen Entwicklungshilfe aus reichen Nationen gigantische Staudämme errichtet. Bei uns wurden sie als ökologische Wunderwerke präsentiert, aber z.B. allein in Chixoy in Guatemala bedeutete das in den 1980er Jahren die Kollaboration mit der Militärdiktatur von Rios Monnt, der wegen dieses Dammes mehrere hundert Menschen töten ließ und Tausende vertrieb. Jahrtausende alter Regenwald wurde überschwemmt und profitiert haben nahezu nur deutsche Großkonzerne. Diese traurige Geschichte dokumentieren wir in einem zehnminütigen Film innerhalb der Ausstellung, den ich mit Heiko Thiele produziert habe. Es gibt noch viel mehr Beispiele für diese rücksichtslose Vorgehensweise. F: Ihr habt Euch lange und intensiv mit dem Thema Wasser auseinandergesetzt. Offenbar erwacht langsam ein allgemeineres Interesse an dieser unzweifelhaft wichtigen Problematik. Was ist Euer Zwischenergebnis, wie lauten Eure bisherigen Schlußfolgerungen? Nikola Siller: Wasser ist ein riesiges und topaktuelles Thema. Viele Initiativen aus vielen Ländern haben dazu beigetragen. Wasser ist eine der elementaren Grundlagen allen Lebens. In fast allen menschlichen Gesellschaften war Wasser ein Allgemeingut, das niemandem gehörte – aus gutem Grund! Der Widerstand gegen Mißbrauch und Privatisierung des Wassers, den wir im vierten Teil unserer Ausstellung dokumentieren, existiert auf allen Kontinenten der Erde. Besonders beeindruckend sind Basisbewegungen wie in Cochabamba, Bolivien, die es trotz erheblicher Repression – und Todesopfern – schaffen konnten, die bereits vom internationalen Konzern Bechtel privatisierte Wasserversorgung wieder zu vergesellschaften und dabei eine basisdemokratische Verwaltung durchzusetzen, die sich nach den Bedürfnissen der Menschen richtet. Spannend und wichtig ist dabei, dass dies kein ideologischer Weg ist, sondern dass sich die Basisverwaltung als ein effektives und dabei höchst gerechtes Instrument ausgewiesen hat. Die Schlussfolgerung lautet also: Wasser ist ein Menschenrecht und gehört allen! Quelle: Semesterspiegel 353 - www.semesterspiegel.de |